Die große Sozialshow

Ex Drummer (DVD + CD)

Ex DrummerStellen Sie sich vor, Sie gehen den schmalen Trampelpfad am Rande Ihres Dorfes entlang, einfach weil Sie nur so spazieren gehen wollten. Und wie durch einen unbewussten Impuls nehmen Sie an der Gabelung beim kleinen Weiher – Sie wissen schon, dort wo vor Jahren eine Leiche auf Nimmerwiedersehen versunken sein soll - diesmal nehmen Sie den anderen Abzweig, den Sie bislang gemieden haben. Und als Sie das fahle, heruntergekommen wirkende Haus am Wegrand sehen, da überfällt Sie ein Schauer und Sie wissen wieder, warum Sie hier nie lang gegangen sind. Ein kurzer verstohlener Blick nach rechts; dann aber schnell weiter. Doch wo Sie das Schicksal ganz ahnungslos hierher geführt hat, da würden Sie schon gerne mal sehen, wie die so leben. Noch einmal kriecht der Schauer Ihren Rücken herunter, dann liegt es hinter Ihnen und erleichtert gehen Sie weiter.

Dries, ein erfolgreicher Autor aus Ostende, geht nicht weiter, als drei – wie er sagt – Behinderte bei ihm klingeln, um ihn für Ihre Band zu gewinnen. Sie hätten gehört, dass Dries gut drummen könnte. In seinem gepflegten Appartement thront Dries über Ostende, so dass es ihn reizt, die Perspektive zu wechseln, indem er zeitlich begrenzt zur Unterschicht hinab steigt. Als Teil der neuen Band „The Feminists“ probt er mit den anderen in einem einfachen Raum auf einem Bauernhof. Das in die Jahre gekommene Haus gehört den Eltern des Gitarristen, dessen Vater in einer Zwangsjacke ans Bett festgeschnallt dahin vegetiert. Der lispelnde Sänger Koen ist gegenüber Frauen gewalttätig und der schwerhörige Ivan lebt mit drogensüchtiger Frau und kleinem Kind in einer zugemüllten Wohnung. Alkohol spielt bei allen eine zentrale Rolle.

Die „Feminists“ wollen beim Hinterhof-Rockfestival in Leffinge Ihren ersten Auftritt hinlegen. So lange soll auch Dries' Ausflug zur Unterschicht dauern. Koen Mortier überzeichnet das Unterschicht-Milieu mit grellen Bildern und ebensolchen Dialogen. Ivans Appartement ist nicht nur zugemüllt, Drogen gehören hier zum guten Ton und Ivans Frau erzählt mit bestimmten Tonfall, dass ihre Möse nach faulem Fisch stinkt. Um noch einen drauf zu setzen, wird das gemeinsame Kleinkind mit Drogen ruhig gestellt, was schließlich zu seinem Tod führt. Die korpulente Mutter des Gitarristen wirkt mit Glatze und alberner Perücke wie die Karikatur einer derben Person aus dem skizzierten Milieu. Der SängerEx Drummerder konkurrierenden Band „Harry Mulisch“ trägt den Spitznamen „Dicker Schwanz“, weil sein Genital schon im Ruhezustand 50 Zentimeter lang ist. Die Liste grotesker Überzeichnungen ließe sich beliebig fortsetzen. Sie macht vor allem deutlich, dass „Ex Drummer“ mit einer Milieudarstellung, die den ihm zugehörigen Menschen gerecht wird, nichts zu tun hat. Stattdessen zelebriert Mortier die große Sozialshow inklusive filmischer Mätzchen, wenn die Vorspannsequenz rückwärts abläuft und eine der Figuren kopfüber an der Decke seiner Wohnung lebt. Stellvertretend für diejenigen, die sich nicht trauen, hinabzusteigen, erledigt Dries diese Aufgabe, indem er seinen Einstieg bei den „Feminists“ als manipulatives Menschenexperiment begreift. Er reflektiert den weit verbreiteten Drang, sich über andere zu erheben.

Seine Freude am Machtgefühl, wenn es ihm mit intellektuellen Mitteln gelungen ist, andere Menschen zu steuern, wirft die Frage an den Zuschauer zurück, wieviel Dries in jedem einzelnen von uns steckt. Die Lust an der Beobachtung eines aus eigener Perspektive niedriger stehenden Milieus mit der entsprechenden bewussten oder unbewussten gedanklichen Reaktion „Gut, dass ich so nicht bin“ leitet den Blick in „Ex Drummer“. Das Ergebnis ist die Show mit ihren inhaltlich grellen, farblich tristen Bildern, die sich jedoch jenseits der entlarvenden Dries-Figur schnell abnutzen. Denn die Überzeichnung bietet dem Zuschauer wiederum die Möglichkeit, nach getanem Voyeursjob einfach weiter zugehen und die grelle Show hinter sich zu lassen, wenn der Schauer den Rücken wieder verlassen hat.

Bildqualität

Stilistisch bedingt sieht das Bild zumeist recht körnig aus. Die Schärfe schwankt zwischen angenehmem und gutem Niveau. Die reduzierte Farbpalette wurde sehr gut auf die DVD übertragen. Vor allem in homogenen Flächen kommt es immer wieder zur Blockbildung. Sonstige Störungen treten nicht nennenswert in Erscheinung.

Tonqualität

Genrebedingt bietet der Film keine aufwendige räumliche Kulisse, obwohl der Ton als DTS- (Deutsch) beziehungsweise 5.1-Spur (Deutsch, Flämisch) vorliegt. Die Dialoge sind jeweils klar verständlich. Während bei der deutschen, heller klingenden Synchronisation ein ganz leichtes Hintergrundrauschen hörbar ist, fehlt dieses beim flämischen Originalton, der insgesamt fester im örtlichen Geschehen verankert klingt. Die hinteren Lautsprecher werden nur bei den Musikeinsätzen einbezogen.

Extras

Auf einer eigenen CD liegt der DVD-Edition hübscherweise der Soundtrack bei. Das Making Of (etwa dreißig Minuten) erweist sich als ärgerliches Kunstprodukt ohne sinnvollen Ansatz. Ganz im Gegensatz zu den sonst Ex Drummerüblichen Lobhudeleien präsentiert es einfach exakt das Gegenteil. Angeblich können sich die einzelnen am Film Beteiligten nicht leiden und beschimpfen sich als Nichtkönner. Einer der Darsteller soll sogar kurzzeitig nicht auffindbar gewesen sein. Ganz im Sinne des Showaspektes tischt das Making Of einen nachgestellten, wenig ernst zunehmenden Interviewschnipsel nach dem anderen auf, so dass am Ende nicht mehr klar ist, was stimmt und was nicht. Wenn man denn überhaupt von einer Erkenntnis sprechen will, die das transportieren könnte, dann die, dass man nicht alles glauben soll, was man sieht und hört. Statt mit gut aufbereiteten Informationen einen Gegenentwurf zu den sonst üblichen Lobhudeleien zu präsentierten, stiehlt das Making Of nur wertvolle Lebenszeit.

Der Kurzfilm „A Hard Day's Work“ (etwa zwölf Minuten) basiert auf der spaßhaften Annahme, ein Sohn könne den Rat seines Vaters, er solle doch beruflich etwas in der Finanzwelt machen, missverstehen. Nachfolgend zeigt der Film einen Tag aus dem Leben eines Möchtegernräubers. Ganz drollig.

Der Kurzfilm „Ana Temnei“ (etwa neun Minuten) hat stärker experimentellen Charakter. Darin herrschen grün eingefärbte Bilder eines mit einem Schutzanzug gekleideten Mannes vor, der einen Rollwagen mit einem darauf liegenden Metallbehälter in einen undefinierten Raum schiebt. In dem Behälter befindet sich einer Frauenleiche. Der Oberkommentar teilt währenddessen anatomiephilosophische Gedanken mit.

Das Musikvideo „Der Grotste Lul Van't Stad“ (Flip Kowlier), ein aus dem Film herausgeschnittenes Lied der „Feminists“ beim Rockfestival von Leffinge, der nicht im Film enthaltene Auftritt der Band Overdo Hykers beim Rockfestival von Leffinge, sowie der Trailer runden das Bonusmaterial ab.

Fazit

„Ex Drummer“ reflektiert die weit verbreitete Lust, an der Beobachtung sozialer Unterschicht-Milieus zur eigenen Erbauung. Die starke Konzentration auf eine Überzeichnung des Milieus bietet aber das entscheidende Schlupfloch, um das Dargestellte als reine Show fortzuwischen. Die Konfrontation mit der Voyeurhaltung findet nicht statt, da auch das Ende die zuvor etablierte Künstlichkeit nur weiter verstärkt. Technisch ist die DVD recht gut.

Stefan Dabrock

   
Originaltitel Ex Drummer (Belgien 2007)
Länge 90 Minuten (Pal)
Studio Legend Films
Regie Koen Mortier
Darsteller Dries Van Hegen, Norman Baert, Gunter Lamoot, Sam Louwyck, François Beukelaers, u.a.
Format 1:1,78 (16:9)
Ton DTS Deutsch; DD 5.1 Deutsch, Flämisch
Untertitel Deutsch
Extras Soundtrack-CD, Ex Director – Making of Ex Drummer, Musikvideo, u.m.
Preis ca. 18 EUR
Bewertung mittelmäßig, technisch recht gut